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Vanessa arbeitet an der Rezeption eines der besten Hotels vonLondon. Zum Service, die das Hotel seinen gut betuchten Gästenanbietet, gehört die Möglichkeit, das attraktive Mädchen an derRezeption intimer kennenzulernen. Dabei ist Vanessa kein Flitt-chen. Aber sie liebt Sex. Und wenn dabei ein oder zwei teure Ge-schenke für sie herausspringen – umso besser. Doch ihre Leiden-schaft führt sie über einen Künstlerkreis in einen düsteren Zirkel,der sie mit Drogen gefügig macht und in einer Fantasiewelt ge-fangen hält. Unfreiwillig wird sie zum Pornostar und muss er-kennen, wie gefährlich die Welt, in der sie sich bewegt, wirklich ist:Und sie wird von Glück reden können, wenn sie mit heiler Hautdavonkommt und ihre Seele retten kann.
Dieser provokante Roman ist nicht nur ein bissiger Seitenhiebauf den Kunstbetrieb und die Doppelmoral in der Welt der Rei-chen, Nymphomanischen und Exzentriker. Es ist auch ein unge-schönter und doch hochmoralischer Roman über Frauen, diepsychisch und physisch missbraucht werden – mit oder gegenihren Willen.
Rosa Mundi ist das Pseudonym einer der erfolgreichsten und be-kanntesten Autorinnen Großbritanniens.
Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100Das für dieses Buch verwendeteFSC-zertifizierte Papier München Super SGS-COC-1940
Redaktion: Frauke BroddVollständige deutsche Erstausgabe 12/2007Copyright 2006 by Rosa MundiCopyright 2007 dieser Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHPrinted in Germany 2007Umschlagillustration und Umschlaggestaltung:Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München – ZürichSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsDruck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Dreiundneunzig Tage
später

Es endete damit, dass ich nach Hause rannte. Oder bessergesagt, ich nahm ein Taxi. Und ich lüge nicht, wenn ich be-haupte, dass ich Angst um mein Leben hatte. Wer weiß,vielleicht um mehr als mein Leben, denn ich trug lediglichweiße Pumps mit fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen,Netzstrümpfe, eine beigefarbene, mit Pailletten besetzteund dazu noch tief ausgeschnittene Kaschmirjacke vonChristian Lacroix, und ich hatte kein Portemonnaie beimir. Angst und Wut beschleunigten meine Flucht. Mutterhat mir einmal gesagt, ich solle nie auf eine Party gehen,ohne Geld für die Rückfahrt einzustecken. Und nur des-halb fand ich einen zusammengefalteten Zwanzigpfund-schein in der Jackentasche.
Die Party – auch wenn das vielleicht nicht ganz der rich- tige Ausdruck dafür war – hatte in Hampstead stattgefun-den, wenige Kilometer von Little Venice entfernt, wo ichdirekt am Kanal wohne. Ich gehe wegen meiner hohen Ab-sätze schon tagsüber kaum zu Fuß, und erst recht nichtmitten in der Nacht. Daher kam mir das Geld gelegen,sonst hätte ich meine Wut vielleicht niedergerungen undeine mögliche Flucht als zu anstrengend für meine Knö- chel verworfen. Ich wäre geblieben und hätte damit meinEnde besiegelt. Man musste keine hellseherischen Fähig-keiten besitzen, um einzusehen, dass es fast dazu gekom-men wäre.
Die zwanzig Pfund stammten von dem Geld für meine Miete, das ich bar zwischen den Seiten von WittgensteinsTractatus Logico-Philosophicus versteckt hatte. Niemandaußer mir würde jemals einen Blick dort hineinwerfen. Ichsteckte den Schein am 21. Juni gegen Abend in die Jacke vonLacroix. Vielleicht weil ich intuitiv ahnte, was kommenwürde. Ein merkwürdiger Hauch von Abenteuer lag andiesem Hochsommerabend in der Luft. Und dort, in derJackentasche, vergaß ich den Schein bis zum 21. September,dem Tag meiner Flucht.
Ich liebe Lacroix. Nicht nur wegen der Jacke, dafür ste- he ich in seiner Schuld, sondern weil einem seine Kreatio-nen das Gefühl verleihen, extravagant, dramatisch undein Luxusgeschöpf zu sein. Die Stoffe überraschen underfreuen, Zurückhaltung und Prunk triumphieren glei-chermaßen. Ich gefalle mir bei dem Gedanken, dass diesmein Stil ist.
Während der dreiundneunzig Tage, die ich mit Alden X und seinem Malerfreund Ray zu tun hatte, konnte ich michweder auf Wittgenstein noch auf Kants gewissermaßen ein-fachere Kopernikanische Revolution, noch auf meine vier-undzwanzig Bände der Gesammelten Werke C. G. Jungskonzentrieren. Ich hätte mit meiner Doktorarbeit über»Veränderungen in der Gruppenpsyche, verursacht durchfalsche Realitätswahrnehmung aufgrund von impliziterBedeutungsverzerrungen in der neuen Lingua Franca: BillGates’ Microsoft« vorankommen müssen.
Aber während jenes Sommers, dem Jahr, in dem ich sechsundzwanzig Jahre alt wurde, bedeuteten mir dieBuchstaben auf den Seiten nichts. Sie hingen dort fremdund unverbunden. Wenn ich zu schreiben versuchte, kamnichts. Konnte das Fleischliche den Geist derart unterlau-fen, dass man die Fähigkeit zu vernunftorientiertem Den-ken verlor? Oder das Interesse daran? Oder war es vielleichtin Ordnung, sich abwechselnd der Lust und dem Intellekthinzugeben, ohne zu versuchen, ein ausgewogenes Lebenzu führen und gewissermaßen körpereigenes Prozac zusynthetisieren, so wie es von einem erwartet wurde? An der Rezeption
Ich arbeite als Teilzeitkraft in einem der exklusiveren Lon-doner Hotels, dem Olivier in Covent Garden, an der Rezep-tion, und genau dort begegnete ich Alden am 21. Juni zumersten Mal. Um elf Uhr an jenem Morgen hatten sich eineMrs Matilda Weiss mit ihren Begleitern angemeldet. Siereiste mit einer Gruppe von drei Personen, einem Ernäh-rungsberater, einem Privattrainer und einem Anwalt. Fürsich selbst hatte sie unsere Premiere Suite 406 gebucht,ihre Begleiter belegten preisgünstigere Zimmer im zwei-ten Stock. Mrs Weiss war eine Persönlichkeit des öffent-lichen Lebens, Botox-behandelte Manhattaner Matrone,Mitte fünfzig, obwohl sie auch noch für Mitte dreißig hättedurchgehen können. Sie war frisch geschieden, gerten-schlank und in Maulwurfspelz gekleidet, hier und da mitschwerem Gold behangen. Sie war keine angenehme Per-son und machte von Anfang an Ärger. So verlangte sie etwaauf der Stelle für ihren Ernährungsberater einen persön-lichen Termin beim Koch. Kaum hatte sie sich in ihrer Suiteausgebreitet, ließ sie unten ausrichten, dass sie anstelle derweißen Trauben in der gratis bereitgestellten Obstschaleschwarze vorzufinden wünsche, wobei sie darauf herum- ritt, dass weiße Trauben zu viel Säure enthielten. Sie kann-te sich aus, mit Säure wusste sie offenbar Bescheid. Man-che Gäste fühlen sich erst wohl, wenn sie eine Reihe außer-gewöhnlicher Beschwerden angebracht haben.
Zwei Stunden später, um genau zehn vor eins, kam Alden in seinem Rollstuhl breitschultrig und energiege-laden auf mich zugefahren. Er war gut gelaunt, und seinbraunes Haar hing ihm in die Stirn. Seine ganze Erschei-nung erinnerte an das strahlende Aussehen eines Film-stars, wenn auch eher an den kantigen, männlichen unddurchaus altmodischen Stil Warren Beattys als an den sof-ten und besorgten Look eines Tom Hanks. Er schien wohl-habend zu sein. Sein Anzug sah teuer aus, sein Rollstuhlwar eine italienische Sonderanfertigung. Er ließ sich voneinem bezahlten Begleiter schieben, einem alterslosen,käsigen kleinen Mann mit Eierkopf, übergroßen, dunklen,wachsamen Augen und feuchtkalten Händen, der mirschließlich als Lam vorgestellt wurde.
Ich piepste Suite 406 an, um Mrs Weiss davon in Kennt- nis zu setzen, dass Mr Alden X zum Mittagessen hier sei,und meine Bemühungen wurden belohnt: »Mittagessen –mit dem verdammten Irren? Macht der Witze? Sagen Sieihm, er soll sich seine Inneneinrichtungen hinschieben, woniemals die Sonne scheint. Ist das innen genug? Oderkommt er nicht dran, wo er doch im Rollstuhl sitzt?« Da-rauf folgten weitere Formulierungen ähnlicher Art.
Ich hielt den Hörer von meinem Ohr weg, doch die ver- ächtliche Stimme prasselte weiter, und bevor mir klar wur-de, was ich angerichtet hatte, konnten die anderen nunebenfalls mithören. Lam runzelte besorgt die Stirn, einHauch von Panik lag in seinem schwermütigen Blick, doch Alden lächelte nur und sagte ruhig: »Machen Sie sich keineGedanken, Kind. Legen Sie einfach auf.« Was ich tat.
»Wir wollen das Beste daraus machen«, sagte Alden.
»Vielleicht trinken Sie ja stattdessen etwas mit mir?« Ich konnte nicht anders als Ja sagen, nicht etwa, weil er behindert war und jegliches Zögern meinerseits als Belei-digung hätte auffassen können, sondern weil ich neugierigwar. Es ist mir peinlich, aber ich sag’s trotzdem: Angesichtseines gut aussehenden und energischen Mannes im Roll-stuhl denkt man sofort an Praktisches – kann er oder kanner nicht? War er so auf die Welt gekommen oder hatte ereinen Unfall gehabt? Würde er wieder gesund werden oderwar es etwas Bleibendes? Wie kam er damit klar? Beschränk-te er sich auf Oralverkehr, ist der entscheidende Körperteilpermanent schlaff oder vielleicht gar nicht mehr da? Viel-leicht gehörte es zu den Aufgaben seines Betreuers, seinenHerren auf alle viere zu hieven, damit dieser tätig werdenkonnte? Oder legte er sich einfach auf den Rücken? Oder …was? Ich wollte es wissen. Ich musste es herausfinden. Weilich Philosophin bin und gelernt habe, die Welt der Phäno-mene zu hinterfragen? Oder lag es an meiner angeborenenNeugierde, die Sorte, die schon so manchen in Schwierig-keiten gebracht hatte? Ich sagte, wir müssten warten, bis der Concierge zu- rück sei. Max war unten in der Küche, um den Koch zu be-ruhigen, der noch immer verstimmt war, weil man seineweißen Trauben verschmäht hatte, obwohl sie doch einebesondere Errungenschaft darstellten. Sie waren geschmack-lich ausgezeichnet, hatten eine zarte Schale und warenextra aus den Anden eingeflogen worden.
Meine Schicht war theoretisch um ein Uhr vorbei, wenn »Nennen Sie mich Alden«, sagte er. »Alden X.«… wenn es Alden nichts ausmachen würde, fünf Minu- ten zu warten, dann wäre meine Schicht vorbei und ichhätte frei, sagte ich.
Unterhaltungen mit jemandem zu führen, der im Roll- stuhl sitzt, ist schwierig. Man muss von oben nach untensprechen, wie zu einem Kind.
Ich wünschte, ich hätte nicht Ja gesagt, und hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich das wünschte. Außerdemwar ich leicht verärgert, weil er mich nicht zum Mittag-essen, sondern nur auf ein Getränk eingeladen hatte. Ichweiß, dass das Mädchen am Empfangstresen kaum erwar-ten darf, mit derselben Höflichkeit behandelt zu werdenwie ein Gast. Trotzdem können einen soziale Unterschiededieser Art paranoid machen, wenn man sich auf der fal-schen Seite der Gleichung befindet.
Er fragte mich nach meinem Namen, und ich sagte »Joan Bennet« und fügte hinzu, dass ich nur vorüberge-hend der Belegschaft angehörte. Ich hätte einen richtigenBeruf. Er fragte mich, welcher das sei, und ich sagte, ich seiKindergärtnerin. Ich würde zusätzlich im Olivier arbeiten,um einen Fortbildungskurs bezahlen zu können. Er mein-te, das klänge sehr rechtschaffen, und ich behauptete, dassei ich auch.
Was hätte ich ihm sonst erzählen sollen? Die Wahrheit? Dass mein Name Vanessa d’A. ist und ich Philosophie miteins abgeschlossen habe und so gut ich kann Geld verdie-ne, während ich auf meinen Doktor hinarbeite? Nichtsschreckt Männer an einer Frau so sehr ab wie zu viel Klasse oder Klugheit. Es ist noch immer so: Sie müssen sich über-legen fühlen. Am besten gibt man sich als Krankenschwes-ter oder Lehrerin aus, dann gibt’s keine Enttäuschungen. Soweiß jeder, wo er steht, und der Schwanz kann sich unge-hemmt erheben.
Ich bin durchaus rechtschaffen, auf meine Art. Meine Mutter sagte mir einmal, der einzige Unterschied zwischenProstituierten und anderen Mädchen bestünde darin, dassErstere Geld für den Sex verlangen und der Rest nicht. Sieist Pastorin der anglikanischen Kirche und hat ihre eigeneBerufung gefunden, also nehme ich sie beim Wort. Siekönnte eines Tages sogar Bischöfin werden, wenn sich dieSynode endlich mal am Riemen reißt, was weibliche Gleich-berechtigung angeht. Ich verkaufe meinen Körper nicht,um davon leben zu können. Ich betrachte ihn als Tempelmeiner Seele, wie es mir meine Mutter erklärt hat, unddementsprechend respektiere ich ihn. Nur muss auch aneinem Tempel gelegentlich das Dach repariert und die Tü-ren und Fenster sowie der Rest frisch gestrichen werden,was alles Geld kostet. Eine geregelte Festanstellung liegtmir nicht. Mit Computern kenne ich mich nicht aus, und inBüroräumen bekomme ich Platzangst. Ich könnte es da-rauf anlegen, einen reichen Mann zu heiraten, aber daswürde mein Sexualleben zu sehr einschränken. Dazu binich noch nicht bereit. Ich bin das, was Max, der Concierge,als eine Berufene bezeichnet. Sex ist keine Arbeit für mich.
Ich liebe Sex. Ich bin gut darin, und manchmal habe ichdas Gefühl, ich sei nur dafür geschaffen.
Männer ohne Begleitung fühlen sich abends bisweilen ein wenig verloren, besonders wenn sie sich in einem frem-den Land aufhalten. Max, der Concierge, lenkt ihre Auf- merksamkeit auf mich. Nicht zu oft, aber ein- oder zweimaldie Woche. Ich bin ein nettes Mädchen, ein braves Mäd-chen und ein gebildetes Mädchen. Mein Gesicht bleibtsanft und verletzlich, und meine Mundwinkel zeigen nachoben, nicht nach unten. Ich bin eine rosige Person, stetsfreundlich. Leute fragen mich nach dem Weg, weil sie wis-sen, dass sie mir vertrauen können und ich ihnen wahr-heitsgemäß antworte. Für ein Laufsteg-Model bin ich einwenig zu rundlich, aber mithilfe einer mir bekanntenSchneiderin passe ich in die abgelegten Stücke der Haute-Couture-Mädchen. Ich habe Freunde in den Modehäusernund eine schmale Taille, volle Brüste, sehr lange Beine,glänzend rötliches Haar – ich werde oft gefragt, ob ichHenna benutze, aber das ist meine natürliche Farbe –,schlanke Oberschenkel, kleine Füße und hübsche Hände.
Ich kann mich kaum beschweren.
Wenn sich Männer für geleistete Dienste mit Geschen- ken bedanken, habe ich nichts dagegen. Ein paar Stundentäglich hinter dem Tresen im Olivier bringen nur ein paarKröten, aber es ist eine gute Ausgangsbasis, um Kontaktezu knüpfen. Das Hotel verfügt über einen ausgezeichnetenKundenkreis, die Preise liegen zwischen vierhundert Pfundpro Nacht für ein gewöhnliches Zimmer ohne Blick auf denFluss und bis zu zweitausend Pfund für eine Suite. Wir sindäußerst beliebt bei Beamten der EU, führenden Repräsen-tanten von NGOs, wohlhabenden Amerikanern, Magnatender Vereinten Nationen und japanischen Touristen. UnsereKunden sind weder allzu protzig noch korrupt.
Wäre ich als Japanerin zur Welt gekommen, hätte ein Teehaus mein natürlicher Lebensraum sein müssen undich wäre Geisha geworden. Ich bin nicht vulgär oder auf- dringlich, aber wenn einem Kunden der Sinn nicht nurnach einem Gespräch, sondern darüber hinaus auch nachSex steht, dann geht es mir oft ähnlich – sollte er mir an-schließend Geschenke machen wollen, dann habe ich da-mit kein Problem. Meine Miete ist hoch, und ich muss mirmein Studium selbst finanzieren. Langfristig sehe ich mei-nen Platz ausschließlich an der Universität. Einstweilenmuss ich für meine Kleidung aufkommen. Ich habe denGeschmack einer Prinzessin, aber ein bürgerliches Ein-kommen. Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht zu defensiv. Dennich habe auch regelmäßig Sex, ohne dafür Bezahlung zuverlangen oder zu erwarten. Obwohl Männer seltsamer-weise meist eher zahlen als nicht. Die Transaktion wirddadurch wertfreier, und es bleibt kein Gefühl von emotio-naler Verpflichtung zurück, das sonst vielleicht noch imRaum gestanden hätte. Es ist eher so, als würde man sei-nen Psychotherapeuten bezahlen. Damit ist klar, dass die»Freundschaft« gekauft wurde und sie zeitlich begrenztblieb.
Im Bound Beast and
Bumpkin

Alden erzählte mir, er sei Musiker, Innenarchitekt und»praktischer Konzeptkünstler«. Ich erwiderte: »Ein echterMann der Renaissance!« Das war für Joan ein kleines biss-chen zu clever, und Lam sagte plötzlich mit ausdrucksloser,nasaler Stimme: »Mr X ein wahrer Leonardo.« Gerade hatteich vergessen, dass er überhaupt noch da war. Dann kamMax zurück, sagte, es sei in Ordnung, wenn ich ginge, undnickte in Richtung der Bar des Bound Beast and Bumpkin,einem Designer Pub, das sich im Windschatten des Olivierverbirgt. Nach Dienstschluss trifft sich dort die Belegschaft,Drogen werden gekauft und verkauft, und erstklassige Nut-ten bieten ihre Dienste an.
Max ist groß, grauhaarig, schwermütig und um die fünfzig. Er ist adrett, ordentlich und unnahbar und trägteine rote Nelke im Knopfloch. Max hat eine geschmeidigeArt zu sprechen, die die Gäste glücklich stimmt, und eingefährliches Funkeln in den Augen, das die Kollegen gefü-gig macht. Er verkörpert die Würde des Hotel Olivier. SeineEhefrau hat längst gelernt, ohne ihn auszukommen. SeineLiebe gehört dem Hotel. Er fing als Page an, ist nun ersterConcierge und fungiert, wenn nötig, auch als Empfangs- chef. Als Verbindungsglied zwischen dem Hotel und derWelt da draußen kennt er jedes Theater, jedes Restaurant,jedes Callgirl der Stadt. Er schmiert und erpresst im Inte-resse des Hotels, er weiß die Hotline des nächsten Bullen-reviers auswendig, und mit bestimmten Taxifahrern ar-beitet er am liebsten. Dafür behält er jedes Mal, wenn erandere ins Geschäft bringt, einen bescheidenen Anteil ein,was ihm durchaus zusteht. Manchmal prahlt er mir gegen-über mit den Zehntausenden, die er bar unter seinem Bettversteckt hält.
»Abgesehen davon«, wie er unnötigerweise hinzufügt, weil er ein äußerst misstrauischer Mensch ist, »dass es garnicht unter meinem Bett liegt.« Max scheint mich zu mögen. Ich kleide mich ge- schmackvoll, eher bescheiden, bin gelassen und tüchtighinter seinem Tresen. Wenn ich mich in Larry’s Bar imHotel nach der Arbeit mit einem Gast einlasse, dann nurmit Max’ Einverständnis. Ich weiß mich auszudrücken. Ichlenke nicht die falsche Sorte Aufmerksamkeit auf mich.
Einmal sagte er mir, ich sei gut für das Geschäft an der Bar.
Da wir erstklassige Leute aus Film und Musik, ja sogarSchriftsteller, Wissenschaftler und allerhand interessanteLeute zu unseren Gästen zählen, verstand ich dies als Kom-pliment.
»Der Zugang mit dem Rollstuhl ist im Beast leichter als bei Larry’s«, sagte Max. Es klang ehrlich, aber es gab einenSubtext. Was er meinte war, dass Rollstühle in der Hotelbarnicht gerne gesehen werden. Das Olivier bietet Rollstühlenauf allen Stockwerken freien Zugang, aber die gut betuchteÖffentlichkeit, die gegenüber den Blinden, den Tauben,den Stummen, den körperlich und geistig Behinderten gerne Lippenbekenntnisse ablegt, möchte anderer LeuteGebrechen nicht unter die Nase gerieben bekommen,wenn sie dabei ist, einen draufzumachen.
Max hätte besser nichts gesagt. Ich fühlte mich stell- vertretend für Alden verletzt. Er hatte an jenem Morgenbereits eine Abfuhr von Mrs Weiss erhalten und war vormir gedemütigt worden. Jetzt glänzten seine Augen, alswollten Tränen darin aufsteigen. Vielleicht war er auch nurstocksauer, versteckte es aber. Ich beschloss, möglichst nettzu ihm zu sein, und löste auf dem Weg ins Bound Beast dieHaarspangen aus meinem Haar, knöpfte die obersten dreiKnöpfe meiner weißen Rüschenbluse auf und schob dieÄrmel hoch. Als ich ihm endlich gegenübersaß und in derLage war, mich auf einer Ebene und nicht von oben herabauf ihn einzulassen, hatte ich das Gefühl, wir wären alteKumpels und stünden auf derselben Seite. Ich lächelte ihnan, als wäre er ein Gottesgeschenk für jede Frau – was er,hätte er nicht im Rollstuhl gesessen, wahrscheinlich auchgewesen wäre.
»Sie haben ein interessantes Lächeln«, sagte er. »Sie sind nicht so leicht zu durchschauen, wie Sie vorgeben. Dasgefällt mir.« Seine Stimme klang schelmisch, stark und tief.
Ein leichter brummiger Yorkshire-Akzent ließ sich heraus-hören. Er war entspannt, also war ich es auch. Ich fühltemich geehrt, weil er mich zur Kenntnis genommen hatte,nicht nur als Quintessenz eines Mädchens, sondern alsMädchen in allen Einzelheiten: Faszination Mädchen. Aberdann fragte ich mich, ob seine Oberschenkel wohl dürr undvertrocknet, oder stark und fest wie normale waren. Wiekonnte ich das herausfinden? Würde es einen Unterschiedmachen? Wahrscheinlich nicht. Als Kind hatte ich immer die Vögel gerettet, die die Katze anschleppte, mich mit denGehänselten angefreundet, Patenschaften für afrikanischeKinder übernommen und so weiter. Ich hatte lahme Entenschon immer gemocht. Aber er benahm sich so gar nichtwie ein Lahmer.
Ich fragte mich, was er von mir wollte. Einen Drink mit einer Kindergärtnerin als Ersatz für seine geplatzte Verab-redung zum Mittagessen? Gesellschaft, egal, welche, unddas war’s? Aber er war keiner von der einsamen Sorte. Washatte er vor? Mit dem Bargeld, das Alden ihm gegeben hatte, holte Lam unsere Getränke und Hühnerfleischsandwiches, stell-te alles vor uns ab, setzte sich alleine an einen anderenTisch und las Zeitung, nicht verärgert, sondern demütigwie Uriah Heep. Er fühlte sich wohl in seiner Rolle. Deshalbbenahm er sich wie ein Diener und nicht wie ein Begleiter.
Die Bemerkung über Leonardo war ein Ausrutscher gewe-sen. An mir schien er nicht interessiert. Vielleicht war erschwul? Er hatte einen kleinen Mund und ein spitzes Kinnund die traurige Ausstrahlung eines künftigen Opfers. WasAldens sexuelle Orientierung anging, war ich mir ziemlichsicher, und er war das Gegenteil von traurig. Wenn er einOpfer war, so war das für ihn kein Grund, Vergünstigungenzu erwarten.
»Es kostet nur ein Zehntel und ist doppelt so gut wie das Mittagessen in Ihrem Hotel«, sagte Alden. Er hatte einenguten Appetit. Breite, weiße Kieferorthopädenzähne bis-sen in dickes, knuspriges Weißbrot. Ich knabberte an demHühnerfleisch, ließ das Brot liegen. Ich hätte lieber im Oli-vier gegessen. Die Mayonnaise hier war zu scharf, kam ausdem Glas.
»Mein Hotel ist es nicht«, kicherte ich, und er hob die Hand, um mit einer Geste zu signalisieren, dass er sich da-rüber nicht streiten wolle, verzog das Gesicht und grinste,dann schüttelte er den Kopf. »Danke, dass Sie mir Gesell-schaft leisten, Joan«, sagte er, »die Frau ist aber auch eineZimtzicke.« »Ich finde es nicht nett, eine Frau als Zimtzicke zu be- zeichnen, egal, um wen es sich handelt«, erwiderte ichstreng in meiner Rolle als Joan. Seine Augenbrauen hobensich ein wenig. »Woher kennen Sie sie?«, fragte ich, umdem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
»Wir haben eine Geschäftsbeziehung«, sagte er, »haben, hatten …? Wahrscheinlich haben wir sie noch immer.« An der Bar saßen zwei oder drei professionelle Mäd- chen, ließen die Beine baumeln, aßen zu Mittag, wartetenauf ihre Zuhälter oder darauf, dass ein Zufallskunde vor-beikam. Sie beäugten mich und meine neueste Errungen-schaft, grinsten und flüsterten hinter vorgehaltener Hand,aber nicht aggressiv, sondern freundlich. Sie haben nichtsgegen mich. Ich nehme ihnen keine Arbeit weg, oder nur inso geringem Maße, dass es kaum ins Gewicht fällt. So oderso, ich besorge ihnen ab und an Aufträge, immer wenn ichMax am Empfang vertrete.
Alden erzählte mir, dass er eine Designagentur besaß.
Sie hieß Arts-Intrinsick. Ich sah später an jenem Nachmit-tag bei Google nach. Die Agentur strebe auf »eine vereinteVision von Kunst, Design und Sound« hin, was alles undnichts bedeutete, aber soweit ich das beurteilen konnte,hatte sie sich zur Aufgabe gemacht, private Kunstsammler,Architekten und »Klangbildhauer zusammenzubringen,um die Sinne auf eine funktionale, luxuriöse und elegante Landschaft einzuspielen«. Blödsinn, wie mir schien, aberplausibel genug, um funktionieren zu können. Was wussteich schon? Mit anderen Worten, wäre man wie Mrs Weisssehr, sehr reich und geschieden und wollte man in denKauf von Gemälden und Kunstinstallationen investieren,würde man Alden anheuern. Er würde das Zuhause seinerKundin in eine hochmoderne Galerie verwandeln, in dersie die eigene Sammlung begleitet von sinnlich anregen-der, eigens für diesen Zweck komponierter Musik vorteil-haft präsentieren kann.
Ich hatte keinen Zweifel, dass Arts-Intrinsick florierte. In der Welt der Kunst gibt es genug ungebundenes Geld, dasnur abgeschöpft werden muss, besonders wenn man garkein Maler im eigentlichen Sinne ist. Ich habe einen Stief-großvater, Lord Wallace F., ein Altmeister der britischen Ar-chitektur. Von ihm weiß ich alles darüber und natürlichvon meiner Großmutter, die das Unglück hatte, eine Zeitlang mit ihm verheiratet gewesen zu sein. Wallace war eingrässlicher Mann, obwohl seine strikte Ablehnung all des-sen, was er als »Kunstdreck« und »Kulturnomenklatura«bezeichnete, bisweilen recht erfrischend war. Zweifelloshätte er auch jemanden wie Alden darunter subsumiert.
Ich dagegen hatte eher das Bedürfnis, Alden zu beschützen,da er nicht nur mit dem Handicap seiner Behinderung zukämpfen hatte, sondern auch die Verachtung solcher Ex-perten wie Wallace abwehren und gleichzeitig versuchenmusste, seine Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen.
Wallace hatte vielleicht nicht ganz Unrecht, aber Unratwäre ein netteres Wort gewesen als Dreck. Aber so war dasnun mal: Ich mochte Alden, und Wallace mochte ich nicht.
Unser Urteil gehorcht unseren Emotionen.
Lust for Life
Roman
Taschenbuch, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cmISBN: 978-3-453-67539-1 Die hochmoralische Geschichte eines sehr unanständigen Mädchens

»Normale Arbeit liegt mir nicht. Mit Computern kenne ich mich nicht aus und in Büroräumen
bekomme ich Platzangst. Ich könnte einen reichen Mann heiraten, aber das würde mein
Sexleben doch zu sehr einschränken. Dazu bin ich noch nicht bereit. Max sagt immer, ich wäre
›für Sex geschaffen‹. Sex ist keine Arbeit für mich. Ich liebe Sex. Ich bin gut darin und manchmal
denke ich, dass es das größte Talent ist, das ich besitze – ja, vielleicht bin ich dafür geboren.«

Source: http://www.heyne-hardcore.de/leseproben/mundi_leseprobe.pdf

Malaria bulletin - february 2007

Urban Health Bulletin: A Compendium of Resources January/February 2009 – Compiled by Environmental Health at USAID Introduction Given Indonesia’s falling child mortality but persistently high maternal mortality , USAID is shifting its health assistance there to focus more strongly on the health of pregnant women. As such, I noted with interest our first abstract’s finding tha

Pro forma for members’ profiles

John Lloyd-Jones Call: 1993 Silk: 2013 John Lloyd-Jones, Approved to provide legal advice and representation to the London 2012 Olympic and Paralympic pro bono Panel. “A very good choice of barrister, with exceptional skills across the board; preparation, communication, client care and, of course, advocacy” Joanne Goddard, Solicitor & Crown Court Department M

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